Studie zu veganen Lebensstilen

Sie wollte es wissen: Angela Grube ging im Rahmen ihrer Diplomarbeit den Fragen nach, warum Menschen vegan leben und ob sie damit Schwierigkeiten im Alltag haben. Das Magazin tierrechte befragte die P├Ądagogin in der Ausgabe 2.07 zu ihrer Studie.

tierrechte: Frau Grube, Sie haben eine ausf├╝hrliche Studie zu veganen Lebensstilen ver├Âffentlicht. Was war Ihre Motivation, eine solche Studie anzufertigen?


Angela Grube: Seit einigen Jahren besch├Ąftige ich mich mit dem Veganismus und stellte bei meinen Recherchen fest, dass es keine sozialwissenschaftlichen Untersuchungen zu den Motiven und der Lebensweise von Veganern gibt. Die meisten Studien konzentrieren sich ausschlie├člich auf ern├Ąhrungsphysiologische Auswirkungen einer veganen Ern├Ąhrungsweise und ignorieren wichtige soziale Faktoren, die f├╝r diesen Lebensstil relevant sein k├Ânnen. Diese Tatsache hat mich dazu motiviert, im Rahmen einer wissenschaftlichen Studie zu erforschen, warum Menschen in unserer Gesellschaft zu Vegetariern und Veganern werden und wie sie diese Lebensweise in ihrem Alltag umsetzen. Mich interessierten vor allem die unterschiedlichen Motive, das Konsumverhalten und die Erfahrungen im sozialen Umfeld. Zu ergr├╝nden, was Menschen dazu veranlasst, in einer Gesellschaft, in der der Verzehr von Tieren und der Gebrauch von Produkten vom Tier zum Alltag geh├Ârt, zu Veganern werden, war das Ziel meiner Arbeit. Um die sozialwissenschaftlichen Hintergr├╝nde zu erforschen, habe ich mich vornehmlich auf die wichtigsten Sozialisationsinstanzen konzentriert, die jeder Mensch durchl├Ąuft. Im Einzelnen sind das die Bereiche Familie, Kindergarten, Schule, Freunde und Medien.

tierrechte: Bei der Studie haben Sie Frageb├Âgen ausgewertet und Interviews mit vegan lebenden Menschen gef├╝hrt. Wer waren die Teilnehmer?

Angela Grube: Die Untersuchung bestand aus zwei Erhebungen: den m├╝ndlichen Interviews und den schriftlichen Frageb├Âgen. Insgesamt lagen der Gesamtstudie 14 Tiefeninterviews und 150 Frageb├Âgen von Veganern zugrunde. Die Mehrheit der Studienteilnehmer war zwischen 21 und 40 Jahre alt. Die Teilnehmer bestanden zu gleichen Teilen aus M├Ąnnern und Frauen. Zwei Drittel von ihnen verf├╝gen ├╝ber einen h├Âheren Schulabschluss und befinden sich in einem Angestelltenverh├Ąltnis oder sind Studierende.

tierrechte: Welche Gr├╝nde wurden Ihnen f├╝r die vegane Lebensweise genannt?

Angela Grube: Die Mehrheit der befragten Veganer hat sich aus ethischen Gr├╝nden f├╝r diese Lebensweise entschieden. Diese ethisch-moralischen Motive resultieren vor allem aus einem emotionalen Gef├╝hl des Mitleids mit dem Tier. 21% f├╝hren ├Âkologische Argumente an, 15% nennen gesundheitliche Motive und 13% nennen ├Âkonomische Gr├╝nde. 4% nennen religi├Âse Motive und 13% geben ┬╗Sonstiges┬ź an. Hierunter fallen politisches Verst├Ąndnis, Empathie, positive Erlebnisse mit Tieren, Schl├╝sselerlebnisse, Tierschutz und Liebe zur Natur. Mitunter kam es vor, dass die Studienteilnehmer sich aus intellektuellen Gr├╝nden f├╝r eine vegetarische Ern├Ąhrungsweise entschieden haben und sie im Laufe der Zeit aus ethischen Gr├╝nden vegan wurden.

tierrechte: Ist dies typisch - dass dem veganen Lebensstil eine vegetarische Ern├Ąhrung vorausgeht?
Angela Grube: Ja, dies ist in der Tat so. Meine Untersuchungen best├Ątigen, dass einer veganen Lebensweise in der Regel eine vegetarische Ern├Ąhrungsweise vorangeht. Die befragten Veganer leben seit durchschnittlich 2,7 Jahren vegan und ern├Ąhrten sich davor im Durchschnitt 5,2 Jahre vegetarisch, bevor sie sich f├╝r eine vegane Lebensweise entschieden.

tierrechte: H├Ąufig wird angef├╝hrt, dass eine vegane Ern├Ąhrung gesundheitliche Risiken mit sich bringt. Wie stehen Sie dazu?


Angela Grube: In der veganen Ern├Ąhrung gibt es zwei Stoffe, die nicht ├╝ber pflanzliche Nahrungsmittel aufgenommen werden k├Ânnen. Vitamin D bildet der K├Ârper unter Sonneneinstrahlung selbst. Der zweite Stoff ist das Vitamin B12, welches hinsichtlich einer veganen Ern├Ąhrungsweise sehr kontrovers diskutiert wird. Ich bin keine Ern├Ąhrungswissenschaftlerin und m├Âchte deshalb auf die Amerikanische Gesellschaft der Ern├Ąhrungswissenschaftler - die American Dietetic Association ADA - verweisen, die eine ausgewogene vegane Ern├Ąhrungsweise f├╝r alle Lebensphasen - einschlie├člich Schwangerschaft, Stillzeit, Kindheit und Jugend - als gesund erachtet.
Grunds├Ątzlich meine ich, dass man jede Art der Ern├Ąhrung vern├╝nftig zusammensetzen sollte, um eine Fehlern├Ąhrung zu vermeiden. Leider werden eher die Veganer mit diesem Thema konfrontiert als die fleischessende Bev├Âlkerung, die durch den hohen Konsum tierischer Produkte nachwei├člich unter den verschiedensten zivilisatorischen Erkrankungen leidet, wie z. B. Gicht, Bluthochdruck etc..

tierrechte: Wie erleben Veganer ihre Situation?


Angela Grube: Bezogen auf die Umstellung auf eine vegane Lebensweise kritisierten die Befragten neben einer mangelnden Akzeptanz durch die Gesellschaft das unzureichende Angebot an veganen Nahrungsmitteln und Gebrauchsgegenst├Ąnden im regionalen Umfeld. Ich lese mal eine bezeichnende Antwort eines Veganers vor, den ich befragt habe: ┬╗Ich sto├če schon irgendwie so auf Ablehnung oder auf Unverst├Ąndnis bis hin zur Ablehnung. Was dann nat├╝rlich wiederum dazu f├╝hrt, dass ich es argumentativ rechtfertige, was ich tue, was dann manchmal zu Diskussionen f├╝hrt.┬ź Er f├╝gte hinzu: ┬╗Manchmal ist es, als wenn man von einem fremden Stern kommt. Und was halt auch erschwerend hinzukommt, ist das Negativimage, was ├╝ber die Medien teilweise aufgebaut wird. Dass man mitbekommt ... Vegetarier, alles klar, ... das sind gute Menschen. Veganer, das sind halt Chaoten irgendwie. Das ist auf jeden Fall ein Problem.┬ź

tierrechte: Die vegane Lebensweise nimmt viel R├╝cksicht auf andere Lebewesen und will ihnen m├Âglichst wenig Gewalt zuf├╝gen bzw. zuf├╝gen lassen. Sie hat einen hohen ethischen Anspruch und m├╝sste daher eigentlich gro├če Akzeptanz finden. Kommt Ihre Studie auch zu diesem Ergebnis?


Angela Grube: Sie sprechen einen interessanten Punkt an. Leider werden Veganer in unserer Gesellschaft kaum toleriert und sto├čen immer wieder auf Ablehnung, obwohl sie sich f├╝r eine durchweg ┬╗gute┬ź Sache einsetzen und nach diesen Ma├čst├Ąben leben. F├╝r die befragten Veganer ist es manchmal sehr schwierig, ihre Lebensweise ├╝berall durchf├╝hren zu k├Ânnen, da das Bewusstsein f├╝r eine vegane Lebensweise in der Bev├Âlkerung kaum vorhanden ist. Dies ist bedauerlich, da ein veganer Lebensstil viele Vorteile f├╝r den Veganer wie auch f├╝r seine Umwelt bietet: Neben ethisch-moralischem Nutzen und gesundheitlichen Vorteilen sind vor allem die ├Âkologischen Erfolge nennenswert. Sogar der aktuelle UN-Klimareport berichtet, dass die globale Tierzucht ein Umweltverschmutzer ersten Ranges ist und mit zu den schwersten Umweltproblemen z├Ąhlt. Die Produktion von Fleisch ist besonders energieintensiv und belastet das Klima stark. Bei der Produktion von einem Kilo Rindfleisch w├╝rden 6,5 Kilo Kohlendioxid freigesetzt, bei einem Kilo Gem├╝se nur 0,15 Kilo CO2. Die vegane Ern├Ąhrung tr├Ągt dazu bei, den weltweiten Kohlendioxidaussto├č zu reduzieren und f├Ârdert dadurch auch den Klimaschutz.

tierrechte: Wie sehen Sie die Entwicklung der veganen Lebensweise und ihre gesellschaftliche Akzeptanz?

Angela Grube: Die gesellschaftliche Akzeptanz, die Veganer in Zukunft haben werden, ist schwer einzusch├Ątzen. Die Tatsache, dass einer veganen Lebensweise in der Regel eine vegetarische Ern├Ąhrungsweise vorausgeht, l├Ąsst vermuten, dass es in Zukunft nicht nur mehr Vegetarier, sondern auch mehr vegan lebende Menschen geben wird. Ich nehme an, dass sich die vegane Bewegung ├Ąhnlich entwickeln wird wie die vegetarische Bewegung vor etwa 20 Jahren. Insbesondere durch ihr Kaufverhalten nehmen Veganer einen deutlichen wirtschaftlichen und politischen Einfluss auf die bestehende Situation. Veganer stellen zwar noch eine Minderheit in unserer Gesellschaft dar, jedoch ist es offensichtlich, dass sich immer mehr Menschen f├╝r diese Lebensweise entscheiden. Insbesondere in Zeiten, in denen der globale Umweltschutz wieder an Bedeutung gewinnt, wird sich das Bild der Veganer in der Gesellschaft ├Ąndern. Wurden vegan lebende Menschen bisher oftmals als realit├Ątsferne ┬╗Spinner┬ź betrachtet, wird sich diese Ansicht bald ├Ąndern.┬á

tierrechte: Was k├Ânnen Sie Menschen mit auf den Weg geben, die eine vegane Lebensweise bef├╝rworten, aber die ┬╗H├╝rden des Alltags┬ź als zu gro├č und komplex empfinden, um diese Lebensweise selbst umzusetzen?

Angela Grube: Dies ist eine h├Ąufig gestellte Frage. Vielen Menschen erscheint eine vegane Lebensweise zu kompliziert, mit vielen Einschr├Ąnkungen verbunden und nicht alltagstauglich. Es gibt jedoch heute zahlreiche M├Âglichkeiten, sich dar├╝ber zu informieren, insbesondere im Internet. Um Hindernisse abzubauen und einen praktischen Einstieg in die Thematik zu finden, bieten wir z. B. das Seminar ┬╗Vegan leben - praktisch┬ź an. Neben einem wissenschaftlichen ├ťberblick ├╝ber Veganer in Deutschland, Motiven und Lebensweisen bietet das Seminar Antworten auf wichtige Fragen hinsichtlich einer gesunden veganen Ern├Ąhrung. Es ist eine kompakte Info-Einheit zu allem, was man f├╝r das vegane Leben im Alltag wissen muss: neue Produkte, Bezugsquellen, Kontakte, Rezepte, Buch- und Internettipps, aktuelle Informationen rund um die gesundheitliche Seite der veganen Ern├Ąhrung. Nat├╝rlich k├Ânnen die Teilnehmer vor Ort auch ein reichhaltiges Buffet genie├čen und Kosmetik- sowie Reinigungsmittel kennenlernen. Dar├╝ber hinaus dient das Seminar als Plattform zur Kommunikation, dem gegenseitigen Kennenlernen und einem angeregten Austausch.

tierrechte: Was w├╝nschen Sie sich f├╝r die Zukunft?

Angela Grube: Nun, es ist zu beobachten, dass zunehmend mehr Menschen in Deutschland vegetarisch und vegan leben. Das ist auch daran zu erkennen, dass die Nahrungsmittelindustrie zunehmend vegane Produkte auch in konventionellen Superm├Ąrkten anbietet. W├╝nschen w├╝rde ich mir, dass diese Entwicklung weiter anh├Ąlt, und dass auch in der Bev├Âlkerung eine offenere Haltung gegen├╝ber Veganern Einzug h├Ąlt und sich vegan lebende Menschen nicht f├╝r ihre Ethik rechtfertigen m├╝ssen, sondern als Vorbild dienen.

Die Fragen stellte Stephanie Elsner .

Angela Grube (Jahrgang 1970) ist Diplom-P├Ądagogin, Tierschutzlehrerin und Autorin des Buches ┬╗Vegane Lebensstile┬ź (ibidem-Verlag, Hannover). Als Vegan-Expertin untersucht sie seit Jahren die Sozialisation von Veganern.
In K├╝rze erscheint ihr neues Buch ┬╗Vegane Biografien┬ź.

Das Interview ist erschienen in der Zeitschrift tierrechte.
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